Über die Inszenierung von Schwanensee

Gedanken zur Inszenierung

Ein Wort von TONY MERCER - Produzent und künstlerischer Leiter

Der Schaffensprozess einer jeden neuen Inszenierung erfüllt mich stets mit großer Aufregung - besonders während der Tage vor Beginn einer Probenphase und anschließend dann wieder während der Tage vor der Premiere.

Die Geschichte von Schwanensee ist ohne Zweifel eine der beliebtesten Märchenstoffe unserer Zeit. Und es ist schon eine Ehre, eine Inszenierung mit Musik des großen Peter I. Tschaikowsky kreieren zu dürfen, und allein schon aus diesem Grund sollte man sich dieser mit gebührendem Respekt und äußerster Umsicht nähern.

Tschaikowsky schrieb über drei Stunden Musik für Schwanensee, einschließlich aller Überarbeitungen und Ergänzungen, die er an der Partitur vorgenommen hatte, seit sie 1877 zum ersten Mal aufgeführt worden war. Die Aufgabe, die Musik in einer Partitur zu arrangieren, die die Geschichte von Schwanensee über zwei Akte und in einem zuschauerfreundlichen Zeitrahmen erzählt, war die Herausforderung, der ich mich zusammen mit meinem Arrangeur Tim A. Duncan mit Bedacht und in vielen Diskussionen stellte.

Nachdem wir unseren Handlungsfaden skizziert hatten, wurde die Musik für diese Inszenierung von Tim arrangiert und in den Studios meiner Heimatstadt Manchester in England aufgenommen.

Als wir das Musikarrangement auf den Weg gebracht hatten, richtete ich mein Augenmerk auf das eigentliche Buch zur Inszenierung. Mein erster Gedanke war, eine Geschichte darzustellen, die keine Fragen offen ließ. Allzu oft sieht man Aufführungen von Schwanensee, in denen einzelne Momente der Handlung keinem logischen Muster folgen, und als Legitimation hierfür wird immer wieder angeführt, dass a) dies schon immer so gemacht wurde oder b) Märchen nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Ich will Sie mit dieser Bemerkung nicht erschrecken, sondern lediglich damit zum Ausdruck bringen, dass ich eine Handlung herausarbeiten wollte, die im gesamten Verlauf des Stückes einem in sich logischen und realen Muster folgt, und dennoch nichts von Ihrer Märchenhaftigkeit und Magie einbüßen sollte.

Meine Recherchen zur Geschichte von Tschaikowskys Schwanensee führten mich auf eine unglaubliche Entdeckungsreise - hin zu den ursprünglichen Zielsetzungen des Werkes, den Gründen für die zahlreichen Adaptationen, die folgen sollten, und zur Geschichte der zahlreichen Produktionen, die auf der ganzen Welt aufgeführt wurden.

Zu Beginn hatte Tschaikowsky die Rollen der Odette und der Odile als zwei separate Rollen geschrieben, verschmolz sie jedoch nach eingehender Prüfung zu einer einzigen Rolle für nur eine Tänzerin. Indem er die beiden Figuren in einer Rolle von einer Primaballerina tanzen ließ, wollte er die Zuschauer bewusst irritieren, genau so, wie der Prinz selbst durch die unterschiedlichen Identitäten von Odette und Odile verwirrt wird und dadurch einen törichten Fehler begeht.

Um meine Interpretation der Geschichte glaubwürdiger zu machen, bin ich zu Tschaikowskys ursprünglicher Absicht zurückgekehrt und habe die Figuren Odette und Odile mit zwei verschiedenen Darstellerinnen besetzt. Damit wollte ich auch die Verantwortung des Prinzen für seinen Betrug an Odette, das gebrochene Versprechen, sie von dem Fluch der Schwanenexistenz zu befreien und ihr wieder ein Leben in Menschengestalt zu ermöglichen, zum Thema machen.

Ich hoffe, eine Handlung konzipiert zu haben, die Tschaikowsky gerne gesehen und gehört hätte, und die das Publikum als wunderbare und klare Adaptation von Schwanensee in der Welt der "on-Ice"-Inszenierungen begrüßen wird, so wie auch die überraschende Wendung, die ich dem Geschehen auf seinem Höhepunkt hinzugefügt habe.

Für die Proben mit dem Kreativteam und dem Ensemble der Imperial Ice Stars auf der Krilatskaya-Eisbahn in Moskau benötigten wir acht Wochen mit jeweils neun Stunden am Tag an sechs Tagen die Woche.

Ich kann mit Gewissheit sagen, dass die Choreografie Elemente des Eislaufs enthält, die in der Welt des Eiskunstlaufs bislang noch nicht gezeigt wurden. Es wäre sicherlich untertrieben, zu sagen, dass die Regeln des Einkunstlaufs gebrochen wurden, und dies war nur Dank der unglaublichen Könnerschaft (und der Geduld) der Eiskunstläufer möglich. Dank deren Engagement und ihren Versuchen, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen, das ich ihnen vorgab, war es das reinste Vergnügen mit ihnen zusammenzuarbeiten, und ich bin sicher, dass ihre verblüffenden Kunststücke tosenden Applaus ernten werden - und aller Schmerz während der Probezeit und die davongetragenen Verletzungen werden wie weggeblasen sein.

Die Inszenierung ist das Ergebnis einer mehr als zweijährigen Vorarbeit, und ich möchte all denjenigen meinen großen Dank aussprechen, die mir dabei geholfen haben, unsere Version von Schwanensee zu verwirklichen.

Meine besten Wünsche, TONY MERCER

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